„Studentische Glanzlichter“ – Leon Bertz

Eine kurze Geschichte des Elends

Von Leon Bertz

Wer heutzutage vom „Elend“ spricht, meint damit höchstwahrscheinlich die „Armut“, den materiellen „Mangel“, „Not“ oder das „Unglück“, „Kummer“ und „Leid“ – wem es „elend“ geht, der ist „ärmlich“, „beklagenswert“ oder gar „krank“ und „schwach“ (Duden online 2018). Die Verwendungsweisen von Elend und seinen zugehörigen Adjektiven sind einfach zu kategorisieren: sie beziehen sich auf jegliche Art und Weise einer vom Mangel geprägten Lebenssituation. Ein Blick auf die Gebrauchsgeschichte offenbart allerdings, dass diese heutige Referenz des Ausdrucks „Elend“ das Ergebnis übertragener Verwendungen einer ursprünglich semantisch weniger eindeutig negativen Bedeutung darstellt.

Das althochdeutsche Adjektiv „elilenti“ des 8. Jhds. wie auch die mittelhochdeutsche Entsprechung „ellende“ bedeuteten zunächst bloß „aus der Fremde kommend, nicht einheimisch“ und damit verbunden „in der Fremde lebend, (aus der angeborenen Rechtsgemeinschaft) ausgewiesen, verbannt“ (Pfeiffer 1993). Die äquivalente Substantivierung beschrieb folglich einen „Fremdling“ oder „Verbannten“, das Adjektiv also „den, dessen (Heimat)land ein anderes ist als das, in dem er sich (schutzlos) aufhält“ (ebd.). Das Grimmsche Wörterbuch definiert unter „Elend“: „urbedeutung dieses schönen, vom heimweh eingegebnen wortes ist das wohnen im ausland, in der fremde“. Die Konnotation der Schutz- und Hilflosigkeit, die eine Person außerhalb ihrer gewohnten Umgebung befürchtet und die zu Zeiten des Mittelalters erheblich intensiver erlebt wurde als heute, erweiterte die nach Grimm eigentlich „schöne“ Bedeutung (im Sinne einer Sehnsucht nach der Heimat) von „ellende“ im 11. Jhd. schließlich um „bedürftig, unglücklich, jammervoll“ (Pfeifer 1993).

Trotz der damit schon früh einsetzenden semantischen Verschiebung finden sich im Grimmschen Wörterbuch bis ins 18. Jhd. Verwendungen der ursprünglichen Bedeutung wie beispielsweise die Einträge „ins elend gehen“ für „in die fremde“ gehen oder die„ellendenherberge“ als „ein gasthaus […] wo fremde einkehren“ können.

In der folgenden Zeit schien sich dann jedoch besonders die Verknüpfung mit einem materiellen Mangel als die entscheidende Referenz des Ausdrucks „elend“ mittels Nachahmung und Verbreitung zu etablieren. Grund hierfür dürfte nicht zuletzt die anbahnende Industrialisierung und mit ihr einhergehende prekäre Veränderung vieler Lebensumstände sein, sodass in den Werken Marx‘ und Engels „Elend“ häufig in einer Doppelbedeutung sowohl als Resultat von Armut und herrschenden Verhältnissen (Verelendungstheorie) aber auch als pejorative Diskreditierung wie in „elender Kerl“auftaucht (Neuffer 2018, 81f.). Letztere Verwendung weist damit noch auf eine weitereBedeutung des mangelhaften „Elend/elend“ hin: eine qualitative Minderwertigkeit, die vor allem Verwendung in philosophietheoretischen Auseinandersetzungen wie Marx‘ Das Elend der Philosophie fand. Doch auch in dieser Bedeutung einer „theoretischen Armut und Inkompetenz“ (vgl. ebd., 84) wird die ursprüngliche Referenz auf einen durch Mangel charakterisierten Zustand des in der Fremde befindlichen Individuums erkennbar. Die„Fremde“ verliert hier jedoch ihre konkrete Beschaffenheit und wird zum abstrakten „sich in fremden theoretischen Gefilden“ bewegen, in denen man keine fachliche Auszeichnung vorweisen kann.

Die Betrachtung der „Geschichte des Elends“ zeigt damit, wie die grundsätzliche Idee oder Konnotation, die mit einem Begriff ausgedrückt wird, unter der Dynamik sozialer und historischer Bedingungen unterschiedlichen Verwendungsweisen Raum gibt. Globalisierung und modernes Reiseverhalten können so vielleicht als Ursache dafür verstanden werden, dass das Elend als Hilfsbedürftigkeit in der Fremde heute nur noch die Not und das Leid als solches beschreibt.

Quellenverzeichnis:

„Elend“ auf Duden online. https://www.duden.de/node/674032/revisions/1335343/view, abgerufen am 24.05.2018.

„elend“ auf Duden online. https://www.duden.de/node/643017/revisions/1386876/view, abgerufen am 24.05.2018.

„Elend“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854-1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971. Online-Version vom 24.05.2018. Abgerufen am 24.05.2018.

Neuffer, Moritz: Elend. In: Wörter aus der Fremde. Begriffsgeschichte als Übersetzungsgeschichte. Hg. von Falko Schmieder / Georg Toepfer. Berlin 2018, S. 81-85.

„Elend“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993),digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, https://www.dwds.de/wb/Haus, abgerufen am 24.05.2018.

Über den Autor:

Ich studiere aktuell an der CAU zu Kiel im 6. Semester Germanistik und Philosphie und beschäftige mich im Rahmen dessen gerne mit Überlegungen, wie wir „Ideen“ in sprachliche Ausdrücke fassen. Das erklärt auch das Interesse am Begriff „Elend“, der anschaulich zeigt, wie eine sprachlich kommunizierte Vorstellung durch den Lauf der Zeit zwar Veränderungen ihrer Verwendungsweisen erfährt, häufig jedoch auf einen abstrakten Kernpunkt zurückgeführt werden kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s