„Studentische Glanzlichter“ – Marit-Inga Suel

In der Reihe „Studentische Glanzlichter“ stelle ich Arbeiten meiner Studierenden vor, die zu schade sind, um nur von mir gelesen zu werden. Dieser Beitrag von Marit-Inga Suel entstand im Rahmen des Seminars „Historische Semantik“ im Sommersemester 2018. Viel Spaß beim Lesen!

Brace yourself, metaphor is coming – und sie ist überall

Von Marit-Inga Suel

Der Begriff Metapher dürfte bei den meisten Menschen mehr oder minder angenehme Erinnerungen an den Deutschunterricht wecken. Sei es nun die „Liebesfackel“ bei Schiller, ein „rosafarbenes Frühlingswetter“ bei Goethe oder gar die „schwarze Milch der Frühe“ bei Paul Celan. Doch auch abseits der Dichtung findet sich die Metapher, nur ist eben das den Sprechern oft gar nicht bewusst. Zwar dürfte den meisten Zuhörern durchaus klar sein, dass ich nicht wirklich vorhabe die Nadel im Heuhaufen zu suchen oder gar die Kuh vom Eis zu holen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass mein zwar durchaus fachlich bewanderter, jedoch wenig poetischer Automechaniker sich darüber bewusst ist, wie überaus metaphorisch er sich ausdrückt, wenn bei ihm der Motor absäuft, die Automatik zu früh hochschaltet oder die Klimaanlage zu viel Leistung frisst.

Aber was ist denn nun überhaupt so eine Metapher? Das Wort leitet sich vom griechischen „metaphorá“ ab, was soviel wie „Übertragung“ bedeutet. Bei einer Metapher wird also ein Begriff durch einen anderen ersetzt beziehungsweise auf ihn übertragen. Wichtig ist hierbei, dass beide Begriffe aus unterschiedlichen Realitätsbereichen kommen. Nehmen wir als Beispiel die Metapher „Herkules ist ein Löwe“, dann haben wir auf der einen Seite „Herkules“ aus dem Realitätsbereich der Menschen und auf der anderen Seite den „Löwen“ aus dem Realitätsbereich der Tiere. Was beide Begriffe miteinander verbindet ist also kein lebensweltlicher Bezug, sondern gemeinsame Eigenschaften, wie zum Beispiel Stärke und Stolz. Oder um es etwas wissenschaftlicher auszudrücken: Die Begriffe verfügen über Similarität.

Metaphern, die von Sprechern nicht mehr bewusst als solche wahrgenommen werden, bezeichnet man in der Linguistik häufig als „tote Metaphern“. Eine höchst unfaire Bezeichnung, wie ich finde, denn eigentlich sind diese Metaphern alles andere als tot, sondern in der Sprache sehr lebendig und vor allem sie sind überall: Ob nun der Politiker seine Argumente verteidigt („Diskussion ist Krieg“), etwas viel Zeit kostet („Zeit ist Geld“), der Motor absäuft („Leistung ist Leben“), jemandem ein Licht aufgeht („Helligkeit ist Erkenntnis“) oder Ned Stark ahnungsvoll verkündet, dass der Winter naht („Zeit ist Bewegung“) – in all diesen Fällen haben wir es mit einer Metapher zu tun.

Da stellt sich natürlich die Frage, warum ist unsere Sprache oder eher Sprache im Allgemeinen so metaphorisch? Denn es wäre ein böser Trugschluss davon auszugehen, dass nur wir im Land der Dichter und Denker uns gerne metaphorisch ausdrücken. Tatsächlich finden sich Metaphern in allen Sprachen und auf die Frage, warum das so ist, haben die Linguistik Lakoff und Johnson in ihrem Buch „Metaphors we live by“ von 1980 eine interessante Antwort gefunden:

„Wir haben (…) festgestellt, dass die Metapher unser Alltagsleben durchdringt, und zwar nicht nur unsere Sprache, sondern auch unser Denken und Handeln. Unser alltägliches Konzeptsystem, nach dem wir sowohl denken als auch handeln, ist im Kern und grundsätzlich metaphorisch.“

Nach dieser Theorie reden wir also in Metaphern, weil wir auch in Metaphern denken. Wenn wir also Zeit verlieren, empfinden wir dies ähnlich, wie den Verlust von Geld. Eben diese empfundene Similarität zwischen beiden Verlusten, bringen wir deshalb sprachlich durch die Metapher „Zeit ist Geld“ zum Ausdruck, wenn wir sagen, dass uns etwas viel Zeit kostet. Das würde zumindest erklären, warum uns die Metapher dermaßen häufig im alltäglichen Sprachgebrauch und eben nicht nur in der Gedichtanalyse früher im Deutschunterricht begegnet.

Vielleicht geht es Ihnen nach dem Lesen ja so wie mir nach dem Schreiben und Sie fangen nun auch an, auf einmal überall Metaphern zu sehen. Falls nicht, schauen Sie sich meinen vorletzten Satz doch nochmal an. Ich bin mir sicher, da hat sich schon wieder eine versteckt.

Über die Autorin:

Ich heiße Marit-Inga Suel, studiere Deutsch und Anglistik und spätestens nach dem Lesen des Titels ist klar, dass ich nicht nur gerne Game of Thrones gucke, sondern auch mit Metaphern um mich werfe. Schuld daran sind Lakoff und Johnson, über deren Theorie ich im ersten Semester gestolpert bin und die mir einen der ersten Aha!-Momente im Studium beschert haben, als ich gemerkt habe, dass es Metaphern eben nicht nur in der Literatur gibt.

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