Wann stürzt mein Kartenhaus ein?

„Wann stürzt mein Kartenhaus ein?“ Diese Frage stellte ich mir in den vergangenen Jahren sehr häufig. Das erste Mal, dass mich dieses Gefühl überkam, jetzt gleich enttarnt zu werden, war im September 2015…

Ich hielt meinen allerersten Vortrag und kannte keinen der WissenschaftlerInnen im Auditorium. Und niemand kannte mich. Einer Sache war ich mir allerdings absolut sicher: Die wissen alle viel mehr als ich und werden schnell mitkriegen, dass ich eigentlich keine Ahnung habe. Als ich da vorne am Pult stand und mein Projekt vorstellte, rechnete ich jeden Moment damit, dass gleich der Erste kopfschüttelnd aufstehen und gehen würde. Spätestens bei der Diskussionsrunde würde der ganze Schwindel auffliegen und ich wäre überführt…

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Im Januar 2018 hatte ich meine Disputatio und wieder kam dieses Gefühl in mir hoch…“Heute wird mein Kartenhaus einstürzen.“ Nach dem 20-minütigen Vortrag zum Dissertationsprojekt war die Diskussion eröffnet, 45 Minuten beantwortete ich die Fragen der Kommission und wartete auf das „Ende“. Aber es passierte nichts. Irgendwann schüttelte mir der Vorsitzende die Hand und gratulierte mir zur bestandenen Prüfung.

Dieses Gefühl war auch da als ich mein Manuskript an den Verlag schickte, als ich mich um einen Dissertationspreis bewarb und als ich mitbekam, dass andere WissenschaftlerInnen meine Arbeit rezipieren. Immer wieder dachte ich: „Jetzt bist du geliefert.“

Dass dieses Gefühl, das immer mal wieder in mir hochkommt, auch einen Namen hat, habe ich vor ca. einem Jahr erfahren: Impostor phenomenon oder auf Deutsch Hochstapler-Syndrom. Betroffene zweifeln massiv an ihren Fähigkeiten bzw. Erfolgen und haben Angst davor, von anderen als BetrügerIn entlarvt zu werden. Häufig sind erfolgreiche Menschen davon betroffen, besonders oft WissenschaftlerInnen.

Als ich letztes Jahr zum ersten Mal meinen KollegInnen davon erzählte, waren die ganz überrascht, dass sie nicht alleine dieses „Problem“ haben. Wir sind viele! Seither gehe ich offener mit meinem „Syndrom“ um und weiß jetzt auch, dass es wirklich nichts Besonderes ist. Und allmählich wird das Gefühl, eine Hochstaplerin zu sein, schwächer. Das ist übrigens auch die effektivste Therapie: Erkennen, dass dieses Syndrom existiert und diese Information an andere weitergeben.

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Bis bald und bleibt gesund.

 

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