„Wissenschaftsnomade“ sein

Mein zweiter Schreibtisch ist ein Klapptisch im ICE. Hier entsteht auch gerade dieser Blogbeitrag. Die letzten zweieinhalb Jahre habe ich jede Woche mindestens 1000 Kilometer in einem Zug zurückgelegt, meist waren es mehr. Und das ist anstrengend. Heute ist der ICE komplett überfüllt, die Menschen sind genervt, weil inzwischen eine Verspätung von 50 Minuten zusammengekommen ist und der Anschlusszug nicht mehr erreicht werden kann. Und zu allem Überfluss tritt ein kleiner Junge hinter mir rhythmisch mit seinen Füßen gegen meinen Sitz.

Meine Entscheidung für die Promotion und jetzt für die Habilitation bedeutet auch, dass ich viele Stunden meines Lebens in Zügen, Flugzeugen, Bussen etc. verbringe. Über Hausbau und einen festen Lebensmittelpunkt für mehr als 2-3 Jahre muss ich mir keine Gedanken machen, denn das wird es erstmal nicht geben. Dafür bin ich inzwischen sehr souverän im Umgang mit der Deutschen Bahn. Das ist normal, den meisten anderen PostDocs geht es genauso. Neben der Unsicherheit, die einen während der Promotionsphase immer begleitet, kann das „Nomadentum“ ein weiterer Faktor sein, der einen ins Straucheln bringt.

Oft beginnt das Nomadendasein schon während der Promotionsphase, wenn sich eine tolle neue Stelle irgendwo in Deutschland auftut und die Bewerbung erfolgreich war. Du lässt dein gewohntes Umfeld, deine Freunde, Lieblingsplätze, Kollegen zurück und beginnst komplett neu. Innerhalb weniger Wochen bastelst du dir ein neues Leben inkl. neuer Wohnung, neuer Kollegen und bist erstmal auf dich allein gestellt. Und das bleibt dann wohl so, bis du entweder endgültig angekommen bist (eigener Lehrstuhl) oder ein alternativer Lebensentwurf gewinnt (Belletristik). Bis dahin verbringst du deine Freizeit häufiger allein, zumindest bis du einen neuen Freundeskreis gefunden hast. Denn die alten Freunde sind zu weit weg, um einfach mal vorbeizugehen und zu quatschen. Diese Phase geht aber auch wieder vorbei, weil das, was du gerade erlebst, viele an deinem neuen Institut auch schon durchhaben. Verständnis und gemeinsame Interessen sind oft die Basis für neue Freundschaft.

Momentan bin ich ganz froh, dass ich nicht stillstehen muss. Manchmal bin ich aber auch echt erschöpft. Im besten Fall kann ich irgendwann sagen, dass es das wert war. Sonst habe ich es wenigstens versucht.

-Fortsetzung folgt-

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