In die Schublade gesteckt: „Miss Itzgründisch“

In den letzten Tagen wurde viel über die Rolle der Frau in der Gesellschaft und die große Unbekannte „Gleichberechtigung“ debattiert. Bis auf wenige Ausnahmen habe ich mich bisher nie benachteiligt gefühlt. Auch vom Schubladendenken der Anderen bin ich bisher ganz gut verschont geblieben… Aber „bisher“ ist jetzt leider vorbei!

In der regionalen Tageszeitung meiner Heimatstadt ist unlängst ein Artikel über mein Dissertationsprojekt zum itzgründischen Dialekt erschienen. Ich habe mich über diese Möglichkeit sehr gefreut, immerhin waren viele „Itzgründer“ an der Erhebung beteiligt und haben mit bereitwillig alle meine Fragen beantwortet. Der Artikel sollte die wichtigsten Ergebnisse zusammenfassen und für die Leser interessant aufbereiten.

Das Telefoninterview mit der Journalistin der Regionalzeitung habe ich als sehr produktiv in Erinnerung. Sie fragte nach meiner Arbeit, meinem bisherigen Lebensweg und zukünftigen Forschungsprojekten. Ein paar Tage nach dem Interview erhielt ich auch einen Entwurf des geplanten Artikels. Die Überschrift lautete: Die Fachfrau fürs „Itzgründische“.

Etwa eine Woche später erhielt ich einen Anruf von einer Bekannten aus einer Nachbarstadt. Auch hier sei jetzt ein Artikel zu meinem Forschungsprojekt erschienen und der wäre auch ganz interessant. Aber was das mit dem Titel solle, das sei ihr nicht ganz klar. Ich entgegnete, dass „Fachfrau fürs Itzgründische“ ja eigentlich ganz unterhaltsam sei. Daraufhin schickte sie mir einen Screenshot des Artikels aus ihrer Zeitung mit dem Titel:

Miss „Itzgründisch“ sucht den Unterschied.

Mein Konterfei grinste mir riesig aus der Seitenmitte entgegen, drum herum war der „Miss Itzgründisch“-Artikel drapiert. Meine Wangen glühten, die Schamesröte stieg mir ins Gesicht und am liebsten hätte ich meinen rotglühenden Kopf in den Sand gesteckt. Das war wirklich peinlich!

Nachdem ich aufgelegt hatte, konnte ich nicht anders, als über diesen Artikel nachzudenken. Was sollte der Leserschaft da erzählt werden? Vielleicht: Helft dem hübschen, aber unfähigen Mädchen beim Suchen? Es hat lange gedauert, ein ganzes halbes Jahr, bis ich den Unterschied gefunden habe:

Ich bin eine junge Frau in der Wissenschaft und das scheint immer noch etwas Besonderes zu sein. Zumindest „besonderer“ als meine Forschungsergebnisse, das ist wohl leider so. Mir stellt sich allerdings immer noch eine Frage: Wäre ich ein Mann, hätten die emsigen JournalistInnen dann auch über „Mister Itzgründisch“ geschrieben?

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