Einblicke in die Lehre Nr. 3: Geile Pflanzen

„Endlich gibt´s wieder geilen Spargel!“

Diesen Satz höre ich in letzter Zeit sehr häufig. Dicht gefolgt von: „Geil: Rhabarber!“ Daraus können wir ableiten, dass erstens die Spargel- und Rhabarberzeit begonnen hat und zweitens, dass es geil zu sein scheint, „geil“ zu sagen. Oder geht es hier um etwas ganz anderes?

Sprachwissenschaftlich betrachtet handelt es sich bei „geil“ um ein Polysem bzw. um ein Homonym. Das Wort „geil“ hat mehrere Bedeutungen, die z.T. auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzuführen sind (Polysemie) oder auch nicht (Homonymie). Wenn ich „geil“ nun synchron analysiere, fallen mir sofort zwei verschiedene Lesarten ein, wie dieses Wort gebraucht werden kann:

1. für (sexuell) erregt (vulgärsprachlich)
2. als Ausdruck dafür, dass etw. oder jmd. besonders toll ist (jugendsprachlich)

Im Ausruf oben wird „geil“ in der zweiten Lesart verwendet, die betreffende Person will ausdrücken, dass sie Spargel besonders toll bzw. lecker findet. Falls es sich bei dieser Person allerdings um jemanden mit botanischen Fachkenntnissen handelt, dann käme auch noch eine dritte Lesart in Frage:

3. Pflanze, die unter mangelhaften Lichtverhältnissen gewachsen ist (Vergeilung von Pflanzen)

Dann würde „Endlich gibt´s wieder geilen Spargel!“ bedeuten, dass Spargel (und übrigens auch Rhabarber) Pflanzen sind, die durch Vergeilung, also einen Mangel an Sonnenlicht, wachsen. Beide müssen „vergeilt“ werden, damit sie nicht zäh und holzig werden, sondern zart bleiben und weniger bitter schmecken. Anders ausgedrückt: Nicht geiler Spargel ist holzig! Anstelle von Vergeilung kann auch der Terminus „Etiolement“ gebraucht werden.

Auch eine diachrone Betrachtung des Wortes „geil“ ist lohnend: Im 12. Jahrhundert ritten die Recken „vrô unde geil“ durch das Land. Hier hatte „geil“ noch die Bedeutung „fröhlich“ oder „gut gelaunt“. Auch die Bezeichnungen „geiler Boden“ für einen besonders fruchtbaren Ackerboden oder „geile Triebe“ bei üppig wuchernden Pflanzen waren gebräuchlich. Allmählich kam es dann zu einer Bedeutungserweiterung. Der Begriff „geil“ in der Lesart „üppig“ wurde auf die Beschreibung von Menschen ausgeweitet und sexuell konnotiert. In der Öffentlichkeit wurde die Verwendung von „geil“ schnell zum Tabu. Diese Tabuisierung führte dazu, dass „geil“ in der Jugendsprache wieder aufgenommen wurde, allerdings in einer neuen Lesart. Unter Jugendlichen ist es heute meist als Ausdruck der besonderen Wertschätzung einer Sache oder Person zu verstehen. Mittlerweile hat sich „geil“ jedoch etabliert. Bleibt nun noch die Frage: Was kommt danach?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s